Podiumsdiskussion „Was brauchen Kinder?“ des Bayerischen Landtags mit dem BRK-Kinderhaus Bayreuth

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Podiumsdiskussion „Was brauchen Kinder?“ – am 16.10.2017 im Bayerischen Landtag in München

Am 16.10.2017 fand im bayerischen Landtag in München ein Treffen von Pädagoginnen und Pädagogen aus dem Elementarbereich, den Schulen, Frühförderstellen und Mehrgenerationenhäusern statt.

In einer Podiumsdiskussion mit Vertretern/innen aus Politik, der pädagogischen Wissenschaft und pädagogischen Fachkräften wurde das Thema „Was brauchen Kinder“ von allen Seiten näher beleuchtet. Moderiert wurde die Veranstaltung durch Frau Tanja Schorer-Dremel, Vorsitzende der Kinderkommission des Bayerischen Landtags.

Auf dem Podium:
– Emilia Müller (MdL, Staatsministerin für Arbeit und Soziales, Familie und Integration)
– Tanja Schorer-Dremel (MdL, Vorsitzende der Kinderkommission der Bayer. Landtags)
– Professor Dr. med. Karl Heinz Brisch (Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie et altera; Dozent; Forschungsschwerpunkt: frühkindliche Entwicklung und die Entstehung von Bindungsprozessen)
– Stefanie Ermer, Leitung des BRK-Kinderhauses Bayreuth – die Stimme aus der Praxis

Die Wissenschaft:
Professor Dr. Brisch verdeutlichte sehr anschaulich, wie wichtig eine gute Bindung zwischen Kind und Eltern sowie zu Pädagogen sei. Gerade im Krippenalter sei dies elementar wichtig. Da immer mehr Kinder bereits in diesem Alter (ab 0 bzw. 1 Jahr) eine pädagogische Einrichtung besuchen würden, sei, um eine gute Bindung zu gewährleisten, ein bedarfsgerechter Anstellungsschlüssel des Betreuungspersonals das A und O – und natürlich die optimale Qualifizierung der pädagogischen Fach- und Betreuungskräfte.

Die Politik:
Staatsministerin Emilia Müller sprach verschiedene Verbesserungen an, die im Rahmen des Projekts Pädagogische Qualitätsbegleitung (PQB) bereits für pädagogische Kindertageseinrichtungen hätten erreicht werden können. Auch sprach sie die finanzielle Unterstützung der Eltern bei den Kosten für Kinderbetreuung an.
Um das Problem der Fachkräftegewinnung, das sich im Rahmen des demographischen Wandels verschärfen wird, anzugehen, würden zudem neue Wege in der Ausbildung und Unterstützung der Fachkräfte in den Einrichtungen angestrebt. So berichtete sie u. a. über das Projekt der pädagogischen Qualitätsbegleiter (PQB – Sicherung und Weiterentwicklung der pädagogischen Prozessqualität durch Beratung und Coaching mit Fokus auf die Interaktionsqualität in den Einrichtungen).
Schließlich begrüßte sie den derzeit in der Probephase befindlichen neuen Ausbildungsweg zum Erzieher „Optiprax“, eine verkürzte Ausbildung zur/m Erzieherin mit Vergütung, die von Personen mit gutem Schulabschluss und bereits bestandener fachfremder Ausbildung absolviert werden kann (3-4 Jahre statt 5 Jahre).

Die Stimme aus der Praxis:
Schließlich wurde auch eine „Stimme aus der Praxis“ gehört: Frau Stefanie Ermer, Einrichtungsleitung des BRK-Kinderhauses Bayreuth! Eine tolle Gelegenheit, die sie nutzte,
um ausführlich aus ihrem Erfahrungsschatz zu berichten und zu erläutern, an welchen Punkten besondere Probleme bzw. Verbesserungspotential bestehen und welche Erwartungen bayerische Pädagoginnen und Pädagogen an das Ministerium und die Gesetzgebung haben:

Aktuell gilt für Bayerische Kinderbetreuungseinrichtungen ein Anstellungsschlüssel von 1 zu 11 – auf 11 Kinder kommt eine Betreuungsperson (Fach- oder Ergänzungskraft). Dieser Schlüssel ist nicht ausreichend, möchte man gemäß Bildungs- und Erziehungsauftrag hochqualifizierte Arbeit für die anvertrauten Kinder und ihre Eltern leisten. Frau Ermer propagierte eine Anpassung des Anstellungsschlüssels auf mindestens 1 zu 9 (gerne auch noch besser – aber man solle natürlich auch realistisch bleiben. Auch die Finanzierbarkeit solle schließlich gewährleistet bleiben).

Daneben hält sie es für erforderlich, dass die sogenannten Gewichtungsfaktoren der Kinder besser differenziert werden. Über diese Gewichtungsfaktoren wird der persönliche Betreuungsbedarf und mögliche zusätzliche Förderbedarf eines jeden Kindes definiert:
Acht Monate altes Krippenkind oder achtjähriges Hortkind? Besteht eine Behinderung? Kann das Kind die deutsche Sprache sprechen und verstehen? Je nach individueller Situation wird ein Kind derzeit mit einem Wert zwischen 1 und 4,5 eingestuft – und dem entsprechend kann Personal angestellt werden. In Zeiten gelebter Inklusion, Integration und zunehmend früherem KiTa-Start für viele Kinder ist hier jedoch dringend eine Anpassung an das reale Leben mit feineren Abstufungsmöglichkeiten erforderlich.</p>

Am 16.10.2017 fand im bayerischen Landtag in München ein Treffen von Pädagoginnen und Pädagogen aus dem Elementarbereich, den Schulen, Frühförderstellen und Mehrgenerationenhäusern, mit dem Thema „Was brauchen Kinder?“ statt. Im Bild (V.l.n.r.): Staatsministerin Emilia Müller, Einrichtungsleitung Stefanie Ermer, Landtagsabgeordnete Tanja Schorer-Dremel und Prof. Dr. Britsch.

So könnten auch die ständig wachsenden (und zumeist fern der Kinder umzusetzenden) Anforderungen an die Fachkräfte abgefedert werden – von der Dokumentation und Durchführung von Entwicklungsprotokollen und Tests über die Weiterbildung bis zu neuen pädagogischen Vorgaben und natürlich der immer mehr an Bedeutung gewinnenden Elternarbeit und Vernetzungsarbeit – ohne dass die Qualität der Betreuung darunter leiden würde.

Auch solle ab einer bestimmten Einrichtungsgröße und -komplexität die Freistellung der Einrichtungsleitungen vom Gruppendienst selbstverständlich möglich sein – voll refinanziert. Nur so könne man das pädagogische Team optimal dabei unterstützen, ihre Erziehungs- und Fördertätigkeit auf höchstem qualitativem Niveau und unter Berücksichtigung aller Vorgaben, Sicherheitsaspekte, den Bedürfnissen der Kinder und höchsten Qualitätsansprüchen zu erfüllen.

Dies wären Maßnahmen, die tatsächlich den Alltag in der institutionellen Kinderbetreuung unterstützen könnten. Leider würden sich viele jener Angebote, die seitens der Politik als Verbesserung für KiTas empfunden werden, in der Praxis jedoch eher als wenig hilfreiche Zusatzarbeit, Strohfeuer ohne dauerhafte Umsetzbarkeit oder als schlichte „Kosmetik“ am System erwiesen.
So gäbe es viele Projektförderungen, die, wenn überhaupt Personalkosten gefördert werden, zwar kurzfristig im Rahmen bestimmter Vorgaben eine zusätzliche Beschäftigung von Fachkräften ermöglichen – jedoch nur zur Umsetzung des speziellen Projektinhalts. Zur tatsächlichen Entlastung der Kolleginnen und Kollegen im Alltag können sie kaum beitragen.
Frustrierend sei zudem, wenn die Projekte schließlich beendet werden müssten und eine Weiterbeschäftigung nicht mehr finanzierbar sei. Bedeutet dies doch für die Kinder jedes Mal der Abschied von einer vertrauten Person und damit ein Beziehungsbruch.

Sinnvoll sei es, statt unzähliger neuer Projekte lieber die Basis-Arbeit auf ein stabileres Fundament zu stellen. Denn die Ausbildung von Erziehern/innen sei so gut und differenziert, dass unter optimalen Bedingungen auch hochqualitative Arbeit für die Kinder möglich ist.

Abschließend forderte Frau Ermer deshalb die bayerische Staatsregierung auf, die nächsten Verbesserungen im Elementarbereich bitte in gut durchdachten und in Abstimmung mit der „Front“ diskutierten Schritten anzugehen – am Bedarf und an der Praxis orientiert und nicht „am Reißtisch konstruiert“.

Auf offene Ohren stießen alle Punkte. Über die Umsetzung wird weiter zu verhandeln sein. Wir drücken hierfür die Daumen!

Lesen Sie demnächst auf der Seite der bayerischen Staatsregierung mehr dazu!

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